Wenn du in einem deutschen Büro arbeitest, hast du sie sicher schon gehört: die mysteriösen Begriffe, die plötzlich überall auftauchen. „Dazu brauchen wir einen Deep Dive, um das weiter zu brainstormen", „Das ist ein Quick Win", „Bitte bis EOD erledigen". Willkommen in der Welt des Corporate Slang – einer Sprache, die nur Eingeweihte wirklich verstehen.
Aber woher kommt diese eigenartige Mischung aus Englisch, Französisch und erfundenen Wörtern eigentlich? Und warum sprechen plötzlich alle so, als würden sie ein Drehbuch aus einem Wirtschaftsfilm vorlesen?
Die Geburt einer neuen Sprache
Corporate Slang ist nicht einfach aus dem Nichts entstanden. Es ist das Ergebnis von Globalisierung, Management-Trends und dem menschlichen Bedürfnis, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. In den 1980er und 1990er Jahren, als amerikanische Managementkonzepte in Europa Einzug hielten, kam auch die englische Geschäftssprache mit. Begriffe wie „Brainstorming", „Deadline" und „Meeting" waren schneller als jede Übersetzung.
Dazu kamen französische Begriffe wie „Jour Fixe" (regelmäßiger Termin) oder „D'accord sein" (einem Vorschlag zustimmen), die dem Ganzen einen Hauch von Eleganz verliehen. Und dann begannen Manager, ihre eigenen Wörter zu erfinden: „Townhalls", „Stakeholder", „Touchpoints". Plötzlich hatte jedes Unternehmen seine eigene Dialekt.
Was will dein Gegenüber dir wirklich sagen?
Hier ist das Geheimnis: Hinter jedem Corporate-Slang-Begriff steckt oft etwas ganz Einfaches, das nur kompliziert klingt.
„Synergien nutzen" bedeutet eigentlich: „Lass uns zusammenarbeiten und gegenseitig von unseren Stärken profitieren." Klingt weniger beeindruckend, oder?
„Quick Win" ist nichts anderes als ein schneller Erfolg – etwas, das man relativ leicht erreichen kann und das gut aussieht.
„Jour Fixe" ist einfach ein regelmäßiger Termin. Die Franzosen haben es schon lange so genannt, aber im Deutschen hätten wir auch einfach sagen können: „Wir treffen uns jeden Dienstag um 10 Uhr."
„Stakeholder" sind Menschen, die ein Interesse an einem Projekt haben – Kunden, Mitarbeiter, Partner. Aber „Stakeholder" klingt wichtiger.
Warum sprechen wir überhaupt so?
Das ist die interessante Frage. Corporate Slang erfüllt tatsächlich mehrere Funktionen:
Zugehörigkeitsgefühl: Wenn du die Sprache sprichst, gehörst du dazu. Du bist Teil des Clubs. Das schafft Identität und Zusammenhalt – besonders in großen Organisationen, wo sich Menschen sonst verloren fühlen könnten.
Effizienz: Ein etablierter Begriff kann komplexe Konzepte in einem Wort zusammenfassen. Statt lange zu erklären, was man unter „agiler Arbeitsweise" versteht, sagt man einfach „agil" – und alle wissen Bescheid (oder tun zumindest so).
Macht und Status: Wer die Sprache beherrscht, wirkt kompetent und informiert. Manager nutzen Corporate Slang oft, um ihre Position zu unterstreichen. Es ist eine Form von sprachlicher Autorität.
Distanz schaffen: Manchmal hilft die Fachsprache auch, unangenehme Dinge zu verschleiern. „Wir müssen uns neu ausrichten" klingt besser als „Wir bauen Stellen ab".
Die Schattenseiten der In-Group-Sprache
Aber hier ist der Haken: Corporate Slang kann auch ausschließen und verwirren.
Neue Mitarbeiter fühlen sich verloren. Wenn du gerade in ein Unternehmen kommst und plötzlich von „Touchpoints", „Deliverables" und „Alignment" hörst, fragst du dich, ob du in einem Meeting oder in einem Science-Fiction-Film bist.
Es kann unverständlich werden. Wenn jedes Unternehmen seine eigene Variante von Corporate Slang hat, entstehen Missverständnisse. Was in Firma A ein „Quick Win" ist, kann in Firma B völlig anders verstanden werden.
Es kann unaufrichtig wirken. Zu viel Corporate Slang kann den Eindruck erwecken, dass jemand versucht, etwas zu verbergen oder zu beschönigen. Authentische Kommunikation sieht anders aus.
Es schafft Hierarchien. Wer die Sprache nicht spricht, wird schnell als Außenseiter wahrgenommen – egal wie kompetent diese Person ist.
Die Balance finden
Das Wichtigste ist: Corporate Slang ist weder gut noch schlecht. Es ist ein Werkzeug. Wie bei jedem Werkzeug kommt es auf die Nutzung an.
Die besten Kommunikatoren im Büro sind diejenigen, die die Sprache sprechen können, aber auch wissen, wann sie sie weglassen sollten. Sie erklären komplexe Konzepte in einfachen Worten, wenn nötig. Sie nutzen Fachbegriffe, um effizient zu kommunizieren, aber nicht, um zu beeindrucken oder auszuschließen.
Also: Ja, lerne die Corporate-Slang-Vokabeln. Sie helfen dir, dich in deinem Büro zurechtzufinden. Aber vergiss nicht, dass hinter jedem großen Wort eine einfache Idee steckt – und manchmal ist es besser, diese einfache Idee auch einfach auszusprechen.
Und wenn dein Chef beim nächsten Meeting sagt, ihr müsst „die Synergien optimieren" – frag einfach nach, was er wirklich meint. Das ist nicht unhöflich. Das ist echte Kommunikation.